”Lokah Laqi” – Die Geschichte aus einem entlegenen Tal


Lokah Laqi (2016), mit dem internationalen Titel Hang in There, Kids! ist der neue Film von Laha Mebow, die neben der Regie auch das Drehbuch des Films geschrieben hat. Der beim Taipei Film Festival mit 5 Preisen ausgezeichnete Film befasst sich wieder, wie bei Laha Mebow üblich, mit der Kultur und dem Schicksal der indigenen Völker Taiwans. Einerseits besticht er durch atemberaubende Aufnahmen der entlegenen Berggegenden, in denen der Film spielt, andererseits ist er ein sozial-kritischer Film, der die wirtschaftlichen und existentiellen Schwierigkeiten der autochthonen Völker Taiwans im Kontext der Moderne thematisiert.

Im narrativen Zentrum des Films steht die Geschichte von drei besten Freunden – den heranwachsenden Jungen Watan, Lin Dingdong und ChenHao und ihrer Suche nach geeigneten Vorbildern, an denen sie sich orientieren können, während sie ihren Platz zwischen der eigenen und der modernen Gesellschaft finden. Die drei 12-jährigen Jungs leben zurückgezogen mit ihren Familien im bergigen Hinterland Taiwans.

Der Film beginnt mit Watan. In der Eröffnungsszene des Films werden Watan und seine Großmutter auf einem Markt von einem Kamerateam angewiesen, für ein Werbeplakat ein trauriges Gesicht zu machen, weil Mitleid mit ihrem sozialen Status sich positiv auf die Verkaufszahlen ihres Produkts auswirken wird. Watan zögert, folgt dann aber doch der Anweisung .

Bereits in dieser ersten Szene etabliert Laha Mebow das Leitmotiv des Films: die existentielle Krise indigener Kulturen und ihrem komplexen Platz in einer modernen, kommerziell orientierten Welt. Dieses Motiv zieht sich durch die ineinander verwobenen Geschichten des Films. Immer wieder nutzen die drei Hauptfiguren ihre Identität als marginalisierte Bevölkerungsgruppe um voran zu kommen oder um Geld zu verdienen. Damit wird suggeriert, dass möglicherweise nur eine Exploitation der eigenen Identität ihr Fortbestehen in der modernen Zeit ermöglicht.

Watans Freund Chen Hao lebt mit seinem alleinerziehenden Vater Gramps in einem angespannten Verhältnis zusammen. Seine Mutter hat die beiden verlassen, als Chen Hao noch ein Baby war. Chen Hao fühlt sich von seiner Mutter verstossen und sehnt sich nach ihrer Liebe. Er ist getrieben von dem Bestreben, seine Mutter in Taipei zu finden. Im Verlauf der Geschichte findet er aber heraus, dass sie Gramps eine falsche Adresse hinterlassen hat, damit sie von ihrer Familie nicht wiedergefunden werden kann. Erst durch diese schicksalhafte Enttäuschung, dass seine Mutter sich nicht für ihn interessiert, realisiert Chen Hao, wie viel er seinem Vater Gramps zu verdanken hat, der sich trotz aller Schwierigkeiten sein Leben lang für ihn aufgeopfert hat.
Der kleine, übergewichtige Lin Dingdong träumt davon, Basketballspieler zu werden. Sein eigener Vater ist ihm kein Vorbild – er ist alkoholsüchtig und der Familienzusammenhalt leidet stark darunter. Lin Dingdong versucht vergebens, ihn vom Trinken abzubringen. Gegen Ende des Films schleichen sich die drei Jungs heimlich bei einem Konzert ein, auf dem die Band des Vaters mit ihm als Lead-Sänger auftritt. Ohne zu wissen, dass sein Sohn anwesend ist, gesteht sein Vater dem Publikum bei einem emotionalen Ausbruch seine Fehler und Schwächen ein, und teilt auch
sein Bedauern mit, dass er seinem eigenen Sohn kein gutes Vorbild ist. Lin Dingdong ist zutiefst getroffen, und beginnt seinen Vater in einem neuen Licht zu sehen.

Watan idealisiert seinen großen Bruder Jien Hua, der das Dorf verlassen hat, um in der Stadt zu studieren. Als der Bruder in sein Heimatdorf zurückkehrt, folgt Watan ihm auf Schritt und Tritt. Er lädt ihn zu seinem Schulfest ein und erzählt seinen Freunden stolz von den vermeintlichen Qualitäten seines Bruders. Je mehr Zeit er jedoch mit seinem Bruder verbringt, desto mehr realisiert er, dass sein Bruder doch ganz anders ist, als er es sich erträumt hatte.
Durch die Lebensgeschichten der drei Protagonisten führt Laha Mebow dem Zuschauer das Dilemma von indigenen Völkern innerhalb von modernen Gesellschaften vor Augen. Ein Symbol dieses Kulturkampfes im Film ist der Muntjak, eine vom Aussterben bedrohte, in Taiwan beheimatete Reh-Art, die den autochthonen Völkern Taiwans seit Gedenken als Nahrungsmittel diente, nun aber gesetzlich nicht mehr bejagt werden darf, um die Art vor dem Aussterben zu schützen. Die Ironie, dass der gut gemeinte Artenschutz des Muntjak gleichzeitig die Existenz der Völker bedroht, die von ihm leben, regt zum Nachdenken an. Die Unvereinbarkeit der Ziele einer modernen Gesellschaft und indigener Völker wird für die Randgruppe häufig zur Existenzfrage. Wo ist ihr Platz in der modernen Welt? Genau diese Frage umtreibt auch Watan, Chen Hao und Lin Dingdong, als sie versuchen, ihren eigenen Weg zu finden, und zwischen beiden, ko-existenten Welten hin und her navigieren.

Lokah Laqi ist ein Film über das Erwachsen werden, über Schmerz und Verlust, über Liebe und Aufopferung. Der englische Titel Hang in There, Kids! hätte nicht treffender übersetzt werden können.

Share:

Leave a Reply

© Copyright Impression x Taiwan reserved.