Like Father, Like Son?

Ein Maestro und seine Saga

Es wäre schwierig, über den Dokumentarfilm „Father“ zu reden, ohne den biographischen Film “The Puppetmaster” von Hou Hsiao-hsien über eben diesen titelgebenden Vater zu erwähnen.
„The Puppetmaster“ wurde im Jahre 1993 beim Cannes Filmfest uraufgeführt und gewann den Preis der Jury. Hou Hsiao-hsien, dessen vor allem durch Plansequenzen und Mise en Scène bestimmte Ästhetik viele Nachfolger beeinflusst hat, porträtiert den legendären Meister des Budaixi-Handpuppentheaters Li Tien-lu, basierend auf seinen Memoiren. Die durch Hou gewährten Einblicke machten Lis künstlerische Leistung zum ersten mal einem internationalen, insbesondere europäischem Publikum bekannt. „Budaixi“ – das Handpuppentheater bzw. die Handpuppenoper – entstand bereits im17. Jahrhundert und entwickelt sich seitdem in Taiwan weiter. Bis heute wird Budaixi als eine der repräsentativsten darstellenden Kunstformen Taiwans angesehen. Und Li Tien-lu ist nicht nur ein renommierter Puppenspieler – viele verbinden die traditionelle Art des Budaixi vor allem mit seinem Namen. Der Film „The Puppetmaster“ widmet sich Lis früheres Leben bis etwa das Ende der japanischen Kolonialherrschaft. Aber Lis ganzes Leben ist untrennbar mit dem Aufstieg und dem Niedergang von Budaixi verbunden – von der Zeit der japanischen Herrschaft (als die auf Taiwanisch bzw. Hokkien-Dialekt gesprochene Unterhaltung, wie Budaixi, zensiert wurde), über die Periode der Herrschaft der Kuomintang (als Budaixi zwar seinen populären Höhepunkt erreichte aber die Aufführungssprache, Taiwanisch, später in der Öffentlichkeit verboten war), bis in die Zeit, in der das Fernsehen in alle Haushalte Einzug gehalten hatte (als das traditionell unter freiem Himmel vor Publikum aufgeführte Budaixi nach und nach verdrängte).
Father

Nach Lis Tod im Jahre 1998 übernahm Lis zweiter seine Truppe „Also Like Life“, während Lis ältester Sohn, Chen Hsi-huang, der den Nachnamen der Familie seiner Mutter trägt, eine neue Gruppe gründete und damit eine eigenen unabhängige Karriere fortführte. Trotz der Eigenständigkeit seiner Truppe und seiner eigenen Leistung, blieb Chen Hsi-huang sein Leben lang „Li Tien-lu’s Sohn“ und konnte dem Schatten seines Vaters nicht entkommen. Dieser verfolgt in besonders, wenn er vor jeder Aufführung dem Publikum wie selbstverständlich als “Li Tien-lu’s Sohn” vorgestellt wird. Paradoxerweise war sein strenger Vater jedoch zu Lebzeiten kaum erreichbar für seinen Sohn, der später keine Erinnerung an wirkliche Gespräche und Nähe hatte. Trotzdem war Chens Leben, undenkbar ohne seine selbst geschaffene Handpuppen, auch untrennbar vom Einfluss seines Vaters. Ist Chen im Alter von 88 Jahren noch immer auf der Suche nach sich selbst? So wird die Fragestellung des Dokumentarfilms „Father“.

Um sich dieser Frage zu nähern und gleichzeitig Chens bedeutenden und jahrzehntelangen Beitrag zum Budaixi als auch das Vergehen dieser traditionellen Kunstform zu reflektieren, begleitet der Regisseur Yang Li-chou den Veteranen und seine Truppe für mehr als zehn Jahre, vor allem während ihrer Tourneen durch Taiwan und andere Länder. Der Film zeichnet das Bild einer heutigen Budaixi Truppe, die darum kämpft, die Traditionen zu bewahren. Er blickt auch auf die historische Entwicklung des Budaixi zurück und wirft einen genauen Blick auf die Aufführungspraxis dieses Handpuppentheaters, welche die unbedingte Beherrschung allerfeinster Bewegungen von Händen und Fingern erfordert. Darüber hinaus untersucht der Film immer wieder auch das Verhältnis zwischen Chen und Li. Es scheint fast als würde der Film versuchen, Chen zu helfen, sich vom übermächtigen Schatten der Vaterfigur zu befreien und seine eigenständige, individuelle künstlerische Lebensleistung und deren Bedeutung für die Kultur Taiwans erkennen und akzeptieren zu können.

Yang ist einer der bedeutendsten Dokumentarfilmregisseure in der Filmgeschichte Taiwans. In „Father“ sieht man, wie sorgfältig er unterschiedlichstes Drehmaterial kombiniert, um den Film zu konstruieren – lockere Gespräche, inszenierte Szenen , Frontal-Interviews, und Yangs eigene Betrachtungen als begleitende Kommentare. Die Szenen sind oft nicht-chronologisch. Es gibt Szenen, in denen Chen seinen eigenen Interviews mit Yang zuschaut, sozusagen selbstreflektierende Momente. Es gibt auch Szenen, in denen Chen einige Aufführungen der modernen Form von Budaixi betrachtet, die sich mehr auf grelle Spezialeffekte als auf die Meisterschaft traditioneller Techniken konzentriert – ein melancholischer Kontrast zu den goldenen Zeiten des Budaixi, als die Magie den bloßen Händen entsprang. Dann gibt es auch die Interviews mit Hou Hsiao-hsien und Lim Giong, einem Schauspieler und Komponisten, der in „The Puppetmaster“ Li verkörperte. Laut seiner eigenen Betrachtungwährend der Dreharbeiten erlebte Lim das Verhältnis zwischen dem „schweigsamen Mann“ Chen und seinem Vater als „distanziert“. Dies bestätigt die Annahme, dass Chen einerseits große Schwierigkeiten hatte, seinem Vater nahe zu kommen, obwohl er doch gleichzeitig den Erwartungen gerecht werden sollte, die als natürlichem Nachfolger seines Vaters in ihn gesetzt wurden. So formuliert der Regisseur Yang in der Mitte des Films fast provokativ: „ (Chen) muss seinen Vater töten. Erst wenn er das getan hat, kann er wirklich er selbst sein.“ Father

Vor der Kamera äussert der sich nun langsam zur Ruhe setzende , bescheidene „Meister“ Chen kein negatives Wort über seinen Vater. Was wir hören sind Lob und Wertschätzung von seiner Seite. Doch als Zuschauer können wir spüren, dass es unter dieser Oberfläche noch andere Emotionen gibt. Man fragt sich, ob er den Knoten tief in seinem Herzen wohl je noch wird auflösen können. Während Chens sonstige Familien dem ganzen Film fast unsichtbar bleibt, fokussiert „Father“ immer wieder auf die Beziehung zwischen Chen und Li und die Präsenz und den Einfluß des toten Vaters auch nach Jahrzehnten. Interessanterweise hebt „Father“ gerade dadurch Chens eigenen künstlerischen Beitrag sowie seinen Verdienst um die Bewahrung des Budaixi als einer einzigartigeKunstform Taiwans hervor. Letzten Endes sollte man auch in ihm den einzigartigen und unersetzbaren „Puppetmaster“ erkennen, genau wie in seinem Vater.
Father

Share:

Leave a Reply

© Copyright Impression x Taiwan reserved.